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 Astrid Volpert- Freie Publizistin
- Kunstkritikerin, Kuratorin
- Lektorin
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Astrid Volpert

Ein verschwundener Name kehrt zurück

Das 20. Jahrhundert ist noch längst kein Museum. Wer seine Augen nicht verschließt, steht allerorten vor einem aufregenden Steinbruch der Geschichte. Vieles findet sich darin, was vergessen oder verdrängt wurde: Schicksale von Menschen und Völkern mit ihren guten wie bösen Erfahrungen. Auch in den Beziehungen zwischen Russen und Deutschen lief längst nicht alles glatt, was so klug und schön gedacht war.
Eine solche Geschichte ist die von Béla Scheffler. Minsk, Hamburg, Dessau, Moskau, Swerdlowsk heißen die Stationen einer beeindruckenden Biografie der Risse und Brüche, Erfolge und Niederlagen. Auf der Höhe schöpferischer Kraft bricht sie im Alter einer Jugend von 40 Jahren gewaltsam ab. Und für mehr als ein halbes Jahrhundert ist sein Name danach aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit verschwunden – ganz in der Sowjetunion und Russland, wo er die letzten zwölf Jahre seines kurzen Lebens tätig war; in Deutschland, wo man sich nach 1945 zunächst zögerlich und vor allem seinem verheißungsvollen Anfang widmete.
Mit einer kleinen Dokumentarausstellung und diesem Katalog anlässlich des 100. Geburtstages von Béla Scheffler erinnern wir eines im BAUHAUS geschulten jungen, talentierten Architekten, der zugleich ein standhafter Kämpfer für eine solidarische, sozial gerechte Gesellschaft war. Architektur kann erhöhen und erniedrigen; sie kann den Lebensraum von Menschen beschneiden oder deren Blick auf sich und die umgebende Welt weit öffnen, so dass die Leute sich wohlfühlen. Im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts existierte 14 Jahre eine reformorientierte Lehranstalt als Teil der erfolgreichen Strömungen künstlerischer Moderne. Das in seiner Herkunft der Studenten und Meister internationale BAUHAUS (ein Fünftel der Studierenden kam aus 29 Staaten, von drei Kontinenten; nach Folke Dietzsch, Die Studierenden am Bauhaus. Diss. A HAB Weimar 1991. Siehe auch S. 22 in diesem Katalog.) unternahm den Versuch, künstlerische Lehre und Experimente mit der industriellen Produktionsweise in Einklang zu bringen und ästhetisch wie funktional hochwertige Güter für den massenhaften, billigen Erwerb der Bevölkerung zu gestalten. Über das Wie gab es auch untereinander verschiedene Auffassungen, Streit, Irrtümer inklusive. Dennoch bleibt nach dem Ende der Institution das unzweifelhaft hohe fachliche Niveau der mit dem Diplom abschließenden Absolventen, besonders der Bauabteilung, unbestritten. Es findet später überall in der Welt Ausdruck in einzigartigen Bauten ihrer Schöpfer.
Zu ihnen zählt Béla Scheffler. Als Assistent des zweiten Direktors Hannes Meyer stellte er seine beruflichen und menschlichen Fähigkeiten schon in einem noch am BAUHAUS realisierten Wohnungsbauprojekt unter Beweis. Die Laubenganghäuser in Dessau-Törten blieben der einzige im BAUHAUS selbst entwickelte und von einer Gruppe junger Architekten um Meyer realisierte Architekturbau. Scheffler war einer der Bauleiter. Es entstanden fünf mehretagige Wohnblöcke, in jedem gab es 18 Wohnungen für jeweils vier Menschen. Sie waren komfortabel, auf dem neuesten Stand der Technik und des Materials. Gebaut wurde mit Klinkerhohlsteinen, Stahlbetonträgern und Stahlfenstern. Der Zugang zu den Wohnungen führte auf der Nordseite über lange, offene Korridore, (Laubengänge). Auf der Südseite lagen geräumige Zimmer mit großen Fenstern. Die Mieter konnten zudem ein dazugehöriges Waschhaus, den Trocken- und Spielplatz sowie einen Abstellplatz im Keller benutzen. Nachdem die Wohnungen im Sommer 1930 übergeben waren, erhielten sie ausnahmslos sehr gute Beurteilungen, in der Presse wie von den Mietern selbst.
Diesen Erfolg zu feiern und fortzusetzen störte hier aber schon die politische Situation im Lande und das gegen das BAUHAUS gerichtete Klima in Dessau. Die Nazis bereiteten sich zur Machtübernahme vor, und die Stadt, auch liberale Kräfte, geriet unter ihren Druck und wachsende Abhängigkeit. Meyer wurde abgesetzt und ihm nahestehende Studenten und Mitarbeiter gingen mit ihm fort. Einer der ersten war Béla Scheffler.
Im Oktober 1930 bis März 1931 fuhren sieben junge BAUHAUS-Architekten mit ihrem ehemaligen Lehrer in die Sowjetunion. Geschah das wirklich nur aus romantischem Überschwang oder als Abenteuer, wie heute mancher russische Historiker meint? Leicht wird vergessen: Zu Hause war der Weg versperrt. In Deutschland war Faschismus schon vor 1933 diskriminierende Realität, und das Neue Bauen befand sich in ganz Westeuropa in der Krise. Da gab es im Osten ein Land, das einen Bauboom wie nie zuvor erlebte, den es mit eigenen Kräften nicht bewältigen konnte. Doch auch aus weltanschaulichen Gründen hatte man sich schon lange mit der Sowjetunion und ihrem sozialistischen Aufbau solidarisiert. So plötzlich wie die Umsetzung der Russlandfahrt der Roten BAUHAUS-Brigade heute manchem erscheint, ist sie nicht gewesen; beruht sie doch auch auf langjährigen freundschaftlichen Vorbeziehungen. Man hatte einander schon in den zwanziger Jahren besucht. Das BAUHAUS war in der Sowjetunion bekannt und geschätzt (Siehe u. a. Christian Schädlich: Das Bauhaus in der sowjetischen Fachliteratur der 20er Jahre, Wiss. Zeitschrift der HAB Weimar 1978, H 5-6). In einem Prawda-Interview vom 12. Oktober 1930 erklärte Meyer: „Ich fahre in die UdSSR, um dort zu arbeiten, wo die wirkliche proletarische Kultur geschmiedet wird, wo man den Sozialismus aufbaut, wo die Gesellschaft entsteht, für die wir hier unter dem Kapitalismus gekämpft haben.“
Die Auswüchse und schrecklichen Verwerfungen waren nicht weit, jedoch noch nicht sichtbar. Meyer und sein Ex-Schüler und Dolmetscher Scheffler, der fließend Russisch spricht, werden begeistert empfangen. Es gibt in Moskau mehrere Solidaritätskundgebungen mit den in Deutschland repressierten Spezialisten, u. a. im Haus der Gewerkschaften, am WASI. Dort erhalten beide keineswegs aus Mitleid eine Lehrstelle, der eine als Professor, der andere als Dozent. Sie beantragen die Aufnahme in die WOPRA, die Vereinigung proletarischer Architekten, bereiten zwei BAUHAUS-Ausstellungen vor, die 1930/31 in Moskau und Charkow stattfinden. Als die Rote BAUHAUS-Brigade dann vollständig in Moskau ist, stürzen sie sich in Projekte am GIPROWTUS, dem Trust für höhere individuelle und typisierte Schulbauten. Sie hatten gebeten, „nicht als herzlose Spezialisten“ betrachtet zu werden, wollten keine Privilegien. So arbeiteten und wohnten sie zu den gleichen Bedingungen wie die sowjetischen Kollegen. Bald lösten sie ihre Brigade auf und gingen einzeln in russische Kollektive. Arbeit gibt es genug. Das Land ist groß, und die Jahre sind stürmisch – in jeder Beziehung. Jeder ist vor Ort gefordert, Kontakte zueinander brechen ab. Ein Teil, nicht-jüdischer Nationalität fährt Mitte der 30er Jahre zurück. Scheffler war 1932 für ein Jahr nach Swerdlowsk beordert; er bleibt dort, arbeitet im Uralmasch, heiratet und ist auch aktiv in Partei und Gewerkschaft. Er ist nun nicht mehr staatenlos, sondern Bürger der Sowjetunion. In die Häuser, die er projektiert und baut, zieht er selbst nicht ein. Seine letzte Wohnadresse im Uralmasch ist ein zweietagiges Holzhaus in der Kalininstraße. Das steht heute noch, nicht weit entfernt von der Metro, umgeben von Hochhaustürmen, denen die alten Nachbarhäuser schon gewichen sind.
In Dessau sind die Laubenganghäuser wie alle BAUHAUS-Gebäude dort Weltkulturerbe der Unesco. 1996-98 wurden sie saniert, haben glückliche alte und neue Mieter. Eine der Wohnungen wurde für Besucher im Original belassen. Vor dem Haus in der Peterholzstraße 40 steht eine große Tafel, die von der Entstehung des Projekts berichtet. Alle Architekten sind genannt, auch Bela Scheffler.
In Russland aber lag sein Name ungefragt bis jetzt im Dunkeln der Archive. Er fehlt in allen Publikationen, die über die Stadt und deren Architektur berichten. Das sind in den 90er Jahren nicht wenige. Auch einer Konferenz der Akademie der Wissenschaften über den Ural an der Schwelle des 3. Jahrtausends war die Architektur der sozialistischen Industrialisierung kulturhistorisch gesehen keine Zeile des Recherchieren und Nachdenkens wert. Dabei ist Béla Scheffler ja nicht der einzige Architekt der Roten BAUHAUS-Brigade, der im Ural Spuren hinterließ. Klaus Meumann projektierte in Magnitogorsk, Konrad Püschel, Tibor Weiner und Philipp Tolziner bauten in Orsk. Letzterer vor allem auch in Solikamsk (Er ist der einzige von den in der Sowjetunion gebliebenen Brigade-Mitgliedern, der den stalinistischen „Fleischwolf“ überlebte. Nach 10jähriger Haft im Usollag blieb er zunächst als Architekt und Restaurator in Solikamsk und Perm und lebte später bis zu seinem Tode 1996 in Moskau.). Und nicht vergessen: die kompletten Sozgorod Nishne-Kurinsk und Gorki-Molotowo beim Perm von Hannes Meyer selbst.
Wieviel kostet die Wahrheit? Heute wohl wenigstens nicht mehr das Leben, möchte man auch für Russland meinen. Im Schatten des denkmalwürdigen, aber als solches nicht anerkannten und damit nicht geschützten Klubs in der Kulturstraße wurde in den letzten Jahren mit viel zeitgeistigem Flimmern von Blau und Gold eine Kirche errichtet. Es fällt schwer zu glauben, wer soviel in einen neuen sakralen Bau steckt, hätte keine Mittel zur Sanierung des architektur- und kulturhistorisch wertvollen Klubs, in und hinter dessen Gemäuer die traurige wie ruhmvolle Geschichte des Ortes und seiner Menschen bewahrt ist. Das aber wäre wirklich eine gute Tat, auch für die dauerhafte Würdigung des Architekten und Menschen Béla Scheffler, der neben seiner bis auf den heutigen Tag bewahrten Gestaltung der Fassade der Werkleitung vielen anderen Orten im Uralmasch ein Gesicht gab. Mögen diese Ausstellung und ihre Katalog erst der Anfang zur Wahrheitsfindung sein.