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 Astrid Volpert- Freie Publizistin
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Nina Obuchowa

B.M. Scheffler und seine Spuren im Swerdlowsker Uralmasch

«Ein ungewöhnlicher Mensch, kontaktfreudig, aufmerksam, gedankenvoll.» (aus dem Archiv des Museums des USTM)

So äußerte sich Viktor Anfimow, Chefingenieur der Leitung des Kontors für Wohnungswirtschaft (UshKCh) des USTM und in den 30er Jahren Ingenieur der Projektabteilung von URALMASCHINOSTROJ (UMS), über Béla Scheffler.
Scheffler reiste 1932 zum Aufbau des Uralmasch an. In UMS-Projektabteilung arbeiteten zu diesem Zeitpunkt 50 Menschen: unter ihnen Architekten, Ingenieure, Techniker, Konstrukteure, technische Zeichner... Diesem Kollektiv war aufgetragen, «zu projektieren und Bauzeichnungen aller Gebäude anzufertigen. Die Entwurfszeichnungen überraschten durch ihr Volumen.» (V. Anfimow).
Scheffler arbeitete im Bereich «Bauten der Sozgorod» zusammen mit G. Iwanonow und V. Anfimow.
Chef der Projektabteilung war Pjotr Oranskij (1899-1960). Nachdem dieser zum Chefarchitekten der Sozgorod des Uralmasch ernannt worden war, kam Moissej Reischer (1902-80) auf diesen Posten.
Das Projekt dieser Wohnsiedlung wurde 1927 durch URALGIPROMES für 25.000 Menschen erstellt. Es war bemessen für 5.000 Arbeiter bei einem Produktionsausstoß des Werkes von 18-36 Tausend Tonnen pro Jahr.
1928 wurde das Siedlungsprojekt von der technischen Abteilung des UMS überarbeitet, am 5. September 1929 erhielt es seine Bestätigung durch den Technischen Rat des Obersten Sowjets der Volkswirtschaft (WSNCh). Alle Varianten waren nach dem Prinzip gewöhnlicher Arbeitersiedlungen im Rahmen der damals existierenden Rechtsvorschriften projektiert.
Doch von Mai bis Oktober 1932 entwarf UMS gemeinsam mit GIPROGOR ein neues Projekt für eine Stadt von nunmehr 170.000 Menschen. Zudem trug dieses neue Projekt nicht den Charakter einer selbständigen Siedlung, sondern war ein Teil des Gesamtkomplexes von Swerdlowsk (heute Jekaterinburg).
Die typische Arbeitersiedlung sollte demzufolge Bauten verschiedenen Profils haben:

  • kommunaler Dienstleistungen (Banja, Wäschereien, Hotels usw.);
  • medizinischer Dienstleistungen;
  • der Handels- und Versorgungseinrichtungen (Kaufhallen, ein Netz von Geschäften, einen Kolchosmarkt usw.);
  • Gemeinschaftsverpflegung;
  • Lehreinrichtungen;
  • kultureller Dienstleistungen (Bibliotheken, Kinos, Kulturhäuser usw.);
  • adminsitrativer Dienstleistungen.

Béla Scheffler war an der architektonischen Formgebung von drei Objekten beteiligt: der des Hauptgebäudes der Werkleitung, des Klubs und des Stadions. Es gibt außerdem gute Gründe anzunehmen, daß Scheffler an der Projektierung eines Hotels für ausländische Spezialisten (heute ist dieses Gebäude, bekannt als «Madrid», einer der schönsten Bauten des Ordshonikidse-Stadtbezirks) teilnahm.
In den Aufzeichnungen von S. Perwuschin, dem ersten Direktor des Museums des USTM, gibt es einen Hinweis auf ein Gespräch mit Oranskij: «...Architekt Schegler half bei der Projektierung des Hotels für die Auslandsspezialisten, mit Besrukow [Architekt] haben sie die innere Ausgestaltung des Gebäudes diskutiert». (aus dem Archiv des Museums des USTM)

Scheffler wird auf der Arbeit geschätzt, man berät sich mit ihm. Und plötzlich...

Im März 1937 schließt das Swerdlowsker Stadtparteikomitee Scheffler als ein durch Verletzung des Statuts in die Partei aufgenommenes Mitglied aus der KPdSU(B) aus. Im Januar 1938 wird Schefflers Parteimitgliedschaft wiederhergestellt. Aber dann, am 11. Februar 1938, wurde B. Scheffler von den NKWD-Organen verhaftet und aus diesem Grund von der Arbeit entlassen. Wegen «Abwesenheit eines Verbrechens» kam er am 11. Mai 1939 noch einmal frei; man stellte ihn wieder ein (an seinem früheren Platz – der Projektierungsgruppe der inzwischen in Kapitaler Bau umbenannten Leitung (UKS) des USTM, in seiner vormaligen Stellung).
1939 (wahrscheinlich im Juni-Juli) wechselt Béla Scheffler in die Stellung eines Architekten im GIPROTJASCHMASCH der Stadt Swerdlowsk (diese Organisation bediente auch die Sozgorod des Uralmasch). 1941 wird er erneut verhaftet.

Aus der Kopie des Bürobeschlusses des Swerdlowsker Gebietskomitees der KPdSU vom 13.06.89, Protokoll Nr. 9:

«... am 10. Januar 1942 haben das Ordshonikidser Stadtbezirkskomitee der KPdSU(B) und am 2. Februar 1942 das Swerdlowsker Stadtkomitee der KPdSU(B) den von NKWD-Organen Verhafteten Gen. B.M. Scheffler als Mitglied der KPdSU(B) ausgeschlossen. Das Büro des Stalinschen Gebietskomitees der KPdSU(B) bestätigte am 2. Februar 1942 den Beschluß, Gen. Scheffler, B.M. aus der KPdSU(B) auszuschließen wegen eines betrügerischen Weges, sich in die Partei einzuschmuggeln...
Auf der Außerordentlichen Beratung beim NKWD der UdSSR am 3. Oktober 1942 wurde Gen. Scheffler, B.M. als Agent der deutschen Spionage bezeichnet und zur Höchststrafe verurteilt.
Dokumente, die dieses Verbrechen beweisen, gibt es in der persönlichen Akte keine. Auf Befehl des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 16. Januar 1989 wurde Gen. Scheffler rehabilitiert. Das Büro des Swerdlowsker Gebietskomitees der KPdSU hat Scheffler, B.M. postum in der Parteibeziehung rehabilitiert.»

Bis zum heutigen Tag ist die Ehre der Namen von 296 ausländischen Spezialisten, die im Uralmasch in den 20 bis 40er Jahren gearbeitet haben, wiederhergestellt. 135 von ihnen sind Bürger Deutschlands:

  • 11 Menschen, die die sowjetische Staatsbürgerschaft annahmen;
  • 5 Menschen, die von den NKWD-Organen verhaftet und repressiert worden sind;
  • 14 Menschen, die «wegen Arbeitsplatzkürzung» entlassen wurden (wahrscheinlich von NKWD-Organen verhaftet).

«... Die Wurzeln der Sabotage im Werk beginnen mit den ersten Tagen seines Aufbaus. Das Projekt des Werkes selbst roch nach deutschen Spionen... Ein Fakt ist die Lage unserer Zechen, das Wirrwar, das bei ihrer Aufstellung herrschte; der Fakt der künstlichen Ausbremsung des Transports im Werk spricht davon, wie fein die Saboteure arbeiteten und solche Bedingungen schufen, daß das Werk nicht die Produktion ausstoßen kann, die von ihm gefordert wird...».
(Zeitung «Uralmasch», November 1937)

Der erste Akt der Sabotage im Werk fand im Sommer-Herbst 1929 statt, als bei der Aufstellung der Hauptträger in der Reparaturbau-Zeche die Hölzer zerbrachen. Beschuldigt wurden die Saisonarbeiter. Den ingenieurtechnischen Stab und die Auslandsspezialisten ließ man da noch in Ruhe. Vielleicht deshalb, weil sich damals in die Sache der Chefingenieur des Aufbaus, Wladimir Fjodorowitsch Fidler (1881-1932) einmischte. Im Gespräch mit dem NKWD-Vertreter erklärte Fidler:

«Ich, mein Lieber, als Chefingenieur, verantworte alles. Fragt mich. Aber, wer mich angelogen hat, bei wem ich außer acht gelassen wurde, den kann ich schon selbst fragen».
(Aus den Erinnerungen von V. Schirjajewa)
Und so wurde dieser Vorfall ohne Opfer beendet, doch dafür kompensierte man später den Mangel an Verhaftungen durch eine Übererfüllung. Da sind aber auch der Prozess der «Industriepartei» in Moskau vom 25.11. bis 7. 12.1930 (Professor N.F. Tschernowskij sagte dabei aus, dass die Vertreter von Uralprojektbüro, die sich in den Betrieben organisiert hatten, den Aufbau der Swerdlowsker und Kramatorkser Werke verzögerten) und die Sache von «Wostokostal» (den Widerhall dieser Angelegenheit bekamen viele Ingenieure des Uralmasch persönlich zu spüren).

Schließlich der Prozess über die Brandstiftung der Schmiedepressen-Zeche (KPZ). Das Feuer ereignete sich im Dezember 1933. Sein Schaden war kolossal, - die Flammen verdarben die Importausrüstung, darunter auch eine große 10.000-Tonnen-Presse. Ursachen waren Übereile und eine völlig unzureichende Beachtung der Vorschriften der technischen Sicherheit. Schuldige wurden gesucht und sehr schnell erfand man eine konterevolutionäre Organisation, die sich das Ziel gestellt hatte, den Plan der Industrialisierung des Landes zu sprengen. Dabei ging es auch nicht ohne «Residenten der deutschen Spionage» ab. Von den Deutschen, Konstrukteure, die per Vertrag arbeiteten, traf es Heinrich Sattler. Aber sein Name wurde damals noch nicht offen genannt.
Man zog von Januar 1934 an einen Musterprozess auf, der im Kino «Temp» stattfand und fast ein halbes Jahr dauerte. Beschuldigt waren 17 Leute, die Hälfte von ihnen wurde mit der Höchststrafe verurteilt.
Als Hauptankläger in diesem Prozess trat der Parteiorganisator des ZK der KPdSU(B) im USTM, Leopold L. Awerbach auf (Awerbach, Leopold Leonidowitsch (1903-1937), jüdischer Parteipolitiker in Fragen der Literatur, 1926-29 Sekretär und 1930-32 verantwortlicher Sekretär der RAPP, 1932-34 verantwortlicher Redakteur der Moskauer Zeitschrift „Geschichte und Werke“; 1931 in Italien und Deutschland legal Vorträge über sowjetische Literatur; verhaftet am 04.04.1937, verurteilt am 14.06.37 durch Hinrichtung, rehabilitiert am 06.06.1961). In seiner Rede machte er Fidler (der schon gestorben war) zum Rädelsführer der Brandstiftung und Agenten der deutschen Spionage.
Und dann kam das schreckliche Jahr 1937. Die gigantische Welle des Terrors machte um den arbeitenden Ural keinen Bogen. Mehr noch, hier erreichte sie in Übereinstimmung mit langen radikalen Traditionen ein besonders hohes Maß. Die Verhaftungen finden in den Betrieben statt, darunter auch im Uralmasch. Es beginnt die massenhafte Entlassung der Ausländer. Dabei verloren viele Uraler Werke ihre Spezialisten und qualifizierte Kader, was zu einem enormen Rückgang der Industrieproduktion führte. Und das alles geschah im Vorfeld des Krieges mit Hitler-Deutschland.
In einen solchen «Fleischwolf» fiel Scheffler, der niemals ein Saboteur, Diversant, Spion, Agent, Verräter gewesen ist ...
Das ist eine schreckliche Tragödie des Volkes und des Landes.